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Über Juri Zurkans Malerei 
Maler verlieren in der Regel nicht viele Worte über
ihre Werke, sonst wären sie vermutlich Dichter geworden.
Ihre Ausdrucksmittel sind die Farbe, die Komposition des Raumes,
das Licht, der menschliche Körper mit seinen vielfältigen
Gesten, das Mienenspiel der Gesichter. Juri Zurkan ist so
ein Maler der Stille und er liebt die Frührenaissance:
Fra Angelico, Piero della Francesca, Sandro Botticelli und
Andrea Mantegna. Die italienischen Maler des 14. Jahrhunderts
befreiten sich von der mittelalterlichen Bedeutungslast der
Bilder und entdeckten mit unbekümmerter Frische das verschüttete
Erbe der Antike. Dabei entlasteten sie ihre Werke von inhaltlicher
Überfrachtung. Die Bedeutung lag nun stärker in
der Wiedergabe des Lebens selbst, so wie es in antiken Traktaten
über die Malerei überliefert ist. Die Nachahmung
des Lebens war erstes Ziel der Malerei, und je täuschender
dies gelang, umso vollendeter war das Kunstwerk. In diesem
Zusammenhang steht die berühmte Legende der beiden rivalisierenden
griechischen Maler Zeuxis und Parrhasius:
Zeuxis malte im Wettstreit mit Parrhasius so naturgetreue
Trauben, dass Vögel herbeiflogen, um an ihnen zu picken.
Daraufhin stellte Parrhasius seinem Rivalen ein Gemälde
vor, auf dem ein leinener Vorhang zu sehen war. Als Zeuxis
ungeduldig bat, diesen doch endlich beiseite zu schieben,
um das sich vermeintlich dahinter befindliche Bild zu betrachten,
hatte Parrhasius den Sieg sicher, da er es geschafft hatte,
Zeuxis zu täuschen. Der Vorhang war nämlich gemalt.
(Plinius, Nat. Hist. XXXV, 64)
Bei der Mimesis als Nachahmung der Natur geht es darum, die
Welt der sichtbaren Erscheinungen auf die Fläche des
Bildes zu übersetzen und zwar so gekonnt, dass das Bild
zu einer Darstellung des Lebens selbst wird. Vor einem halben
Jahrtausend bestand die umwälzende Erneuerung in der
Befreiung von symbolischen Metaebenen. Die Erscheinungen der
Natur werden nun um ihrer selbst willen gemalt. Die Wolken
am Himmel, die Vögel, die Bäume, ja alle Versatzstücke
des täglichen Lebens und die Menschen mitsamt den Gegenständen,
die sie lieben. Natürlich ist der Maler noch immer der
Auftragnehmer, welcher den Wünschen des Auftraggebers
nachzukommen hat, aber es geht in erster Linie um seine Wahrnehmung
der ihn umgebenden Welt. Durch die Kunst mimetischer Nachahmung
bemüht er sich um Einfühlung in das Leben dieser
Welt, welches er in sein Werk übersetzt.
Mimesis als ästhetisches Fundament ist darüber
hinaus stark der Kunstform des Theaters verwandt, wo im Rollenspiel
die menschlichen Urkonflikte ausagiert werden. Tatsächlich
wirken viele von Juri Zurkans Gestalten wie Figuren auf einer
Bühne. Stadtlandschaften erscheinen wie Kulissen aus
mythischen Vorzeiten. Das Licht erstrahlt in allen Varianten
von zartrosa, zitronengelb, hellblau, orange bis rötlich.
Es verleiht den Bildräumen einen stark visionären
Charakter. Die Figuren sind überwiegend passiv. In sich
ruhend, in die Betrachtung eines Gegenstandes versunken oder
in die Lektüre eines Buches vertieft, wirken sie gelöst
und konzentriert zugleich. Mitunter halten sie Schüsseln
mit Früchten wie Opfergaben auf den Handflächen
balancierend. Das Mienenspiel der menschlichen Antlitze ist
oftmals nachdenklich und wissend. Faltenwürfe deuten
die Bewegungen der Körper an und verraten etwas von der
erregenden Dynamik des Innenlebens. Fragil bewegen sie sich
durch altes Gemäuer, hören sich aufmerksam in Zwiegesprächen
zu, - oder blicken in die Ferne. Wie Seiltänzer ohne
Netz bewegen sie sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch
Räume, die so gar nichts mit unserem Jahrhundert zu tun
haben.
Wiederkehrende Details wie das Cocktailglas, Blumen, eingetopfte
Zierstauden, einzelne Früchte, verstreute Perlen oder
die Laute ohne Saiten verleihen den Szenerien eine stilllebenartige
Grundstimmung. Die Laute ohne Saiten hat in ihrer Stummheit
einen melancholischen Grundton. Der Resonanzkörper ist
zwar da, aber ohne Saiten kann er keine Melodie zum Klingen
bringen. So bleibt das Instrument nutzlos als eine Art antiker
Müll im Bild liegen.
Die Laute ist übrigens jenes Instrument, welches man
auf alten Bildtafeln im Zusammenhang mit der Darstellung von
Sibyllen findet. Das waren Seherinnen im alten Griechenland,
welche, berauscht von ätherischen Ölen und anderen
Mitteln, in einen tranceartigen Zustand fielen, um sodann
in rätselhaften Orakelsprüchen die Zukunft zu prophezeihen.
Sie galten als Musen Apollos, des Gottes der Weissagung und
der Künste, weshalb unter anderem das Buch und die Laute
zu ihren Attributen wurden.
In diesen seltsamen Gestalten atmet ein Wissen um die Gefährdung
des Lebens, das den Zeitgenossen von heute verloren gegangen
ist. Zudem handelt es sich ja nicht nur um menschliche Wesen,
die uns da wie aus einer fernen Epoche entgegentreten, sondern
auch um Tiere wie Katzen oder fasangleiche Paradiesvögel
mit ausladenden Federkleid. Mitunter erscheinen Engel in der
Szenerie, wohl um die Ereignisse günstig zu beeinflussen.
Die Figuren befinden sich im Einklang mit ihren Handlungen,
mit den Räumen, in denen sie sich bewegen, und mit der
Natur. Und obwohl sie nicht frei von inneren Spannungen sind
und der Blick in die Ferne von Sehnsucht und Trauer spricht,
blitzt doch immer eine kosmische Geborgenheit durch das Geschehen.
Keine heile Welt also, aber immerhin eine Welt, in der Heilung
möglich ist.
Das Lebensgefühl der Moderne, bestimmt durch den Bruch
zwischen Innenleben und Außenwelt und die damit einhergehende
Entfremdung und seelische Zersplitterung, das alles ist in
Juri Zurkans Bildern nicht spürbar. Ästhetik und
Komposition, Farbgebung und Gebärdensprache der Figuren
erinnern an eine Kraft, die auch in den Gemälden alter
Meister wirksam ist. Diese Ruhe und Hingabe, die verhaltene
Melancholie und der langsame Rhythmus, welche die Atmosphäre
der Bilder bestimmt, ist unserer schnelllebigen und lauten
Zeit abhanden gekommen. Vielleicht sind deshalb die Maler
so selten, die uns solche Räume noch erschließen
können.
© Sanna Böswirth
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